Teil 2

3 Stunden und 15 Minuten später zerren wir unsere klobigen Rucksäcke aus dem Gepäckraum des Busses. Nach der Pilzsuppe mit Brot, die als Stärkung für den restl. Tag diente, zog uns jetzt der schwarze Strand in seinen Bann. Es ist das erste Mal das ich so etwas sehe, es scheint grotesk. Vor mir ein spitzer schwarzer Fels in der Brandung des aufgewühlten Meeres. Hinter mir sattes grünes Gras das sich am Ende der Düne über den schwarzen Sand wölbt.
Die Abkürzung, die wir auf unserer Karte erspähten, entpuppt sich schonungslos als Umweg. Daran kann auch der Labrador, der uns seit geraumer Zeit folgt (aus Gründen die er für sich behielt) und sich selbst durch einige Täuschungsmanöver bisher nicht abschütteln ließ, nichts ändern. Endlich die rettende Straße, zuvor durch eine Kuhherde hindurch und vorbei an Islandpferden, scheint jetzt der richtige Moment für ein weiters Täuschungsmanöver gekommen zu ein um den Hund abzuschütteln. Nichts gegen den Hund, aber was sollen wir in drei Wochen am Flughafen mit ihm machen? Wir klettern über einen Holzzaun, rennen über die Straße und hechten in den Straßengraben. Abgeduckt warten wir kurz, lachen über die ganze Situation. Wir strecken unsere Köpfe aus der Deckung des Grabens und sehen dem Hund zu, wir er versucht uns wiederzufinden. Geduckt laufen wir im Graben einige Meter. Wieder stecken wir die Köpfe aus der Deckung. Der Hund dreht ab. Manöver geglückt.
23 Uhr, ich klettere in den Schlafsack stauche noch schnell Pullover und Hose, die als Kopfkissen dienen, zusammen und schließe die Augen. Ich höre noch ein Weile dem Wasser zu, was direkt neben uns von einem nochweit entfernten Geltscher durch das Kiesbett rauscht.
 
8 Uhr, aufstehen, etwas schmerzhaft zeigen sich die ersten Spuren die der letzte Tag hinterlassen hat. Zusammengekauert sitzen wir nebeneinander im „Vorzelt“ bei Trockenbrot und Schweinebauch zum Frühstück.
Seit nun mehr 2 Stunden laufen wir an der schnurgeraden Straße entlang, ich versuch mich an die letzte Kurve zu erinnern. In der ferne taucht Skogár auf, das erste Zwischenziel, gleich sind wir da und damit weg von der Straße. Eine Stunde später laufe ich im Nieselregen am Ortseingangsschild von Skogár vorbei.
Das Restaurant sieht einladend aus und wir gönnen uns eine kurze Pause mit einer Vorspeise aus Lachs und einem Bier.
Noch ein paar Fotos vom Skogárfoss (Wasserfall) und einen Blick in die Karte zu Orientierung. Genüsslich schlürfen wir die Kaffeespende eines Holländers hinunter und machen uns danach auf den Weg bergan nach Norden, Richtung Þórsmörk.
Es ist kurz vor 22 Uhr und wir errichten unser Nachtlager fernab des Weges den wir gekommen sind. Ungemütlich wirkt der Abend hier oben, Nebel und Nieselregen verwehren uns den Blick aufs Meer. Eine Nudelsuppe mit Brot wärmt uns auf, die Hände umklammern den Teepot und draußen rüttelt hin und wieder der Wind am Zelt.
 
Ich krame verschlafen nach dem Handy, wie spät ist es denn, die Hitze im Zelt ist unerträglich ungewohnt, ist es etwa schon Mittag? 6 Uhr 15 zeigt das Handy. Das Wetter ist der Wahnsinn, strahlend blauer Himmel an dem eine kleine weiße Wolke von der Größe meines Daumennagels, so wirkt es jedenfalls von hier aus, ins Landesinnere dümpelt. Ich setz mich auf einen großen Stein mit dem Rücken zum Meer und bestaune die schneebedeckten Bergspitzen.
Gefrühstückt wird natürlich draußen umringt von diversen Kleidungsstücken die sich von der Sonne trocknen lassen.
30 Minuten nach Aufbruch treffen wir auf einen klaren Bach, der eine kleine Schneise in die noch begrünte Gerölllandschaft gegraben hat, diesen benutzen wir sofort für die längst überfällige Körperhygiene. Ich schmeiß mir gleich zwei Hände voll Wasser ins Gesicht, zieh mir mein T-Shirt aus und wühle Zahnbürste, Zahnpasta und die gute Kernseife aus dem Kulturbeutel. Grobziel: äußerlich Mensch werden.
Das grün beginnt aus der Landschaft zu schwinden und das grau des Gesteins gewinnt mehr und mehr die Oberhand. 3 Stunden bergan später zeigt sich eine zerfallene Nothütte, dahinter ein großes Schneefeld was die zwei Gletscher, links (Eyjafjallajökull) und rechts (Mýrdalsjökull) von uns, erahnen lässt. Die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht, wir noch nicht. Noch schnell ein Schluck Wasser, dann reibe ich mir nochmals die Sonnencreme ins Gesicht, in den Nacken und die Ohren nicht vergessen. Mal knirscht der Schnee zornig unter den Füssen, mal patscht er bloß noch. Die Sonne gönnt sich keine Pause und eifrig reflektiert der Schnee die Sonnenstrahlen. Wieder eincremen. Zwischen den beiden Gletschern hindurch, noch ein letzter Blick zum Meer, laufen wir auf einem Schneeplateau entlang, wo sich kleinere Mulden mit Schmelzwasser gefüllt haben und mit einem kräftigen zyanblau zum Baden einladen, zur anderen Bergseite. Das Wetter verschlechtert sich, Nebel zieht auf. Langsam gewinnen wir wieder an Zeit, es geht bergab. Das erste drittel des Abstieges haben wir hinter uns, eine schier unüberwindbare Stelle (zumindest mit den Rucksäcken) im Weg zwingt uns zu einer kleinen Pause die wir mit der Suche nach dem Lösungsweg verbinden. Es scheint nur noch eine weitere Stelle zu geben die Überwindbar wäre. Wir schlüpfen in unsere Klettergurte und hangeln uns am Seil gesichert hinunter. Mit von der Partie, eine isländische Wanderin, die sich erst auf den original Weg einlassen wollte aber dann doch einlenkte und uns am Seil folgte. Nach einem riesigen Geröllfeld laufen wir wieder im Gras und Stunden später, so gg. 20 Uhr 30, erreichen wir den Zeltplatz Básar und beginnen unser Nachtlager aufzuschlagen.
Mit einem Klumpen Spaghetti mit Tomatenmark im Bauch krabble ich in den Schlafsack, Mitternacht.